Das Hessische Statistische Landesamt bildet seit seiner Gründung 1946 eine zentrale Säule der demokratischen Verwaltungsinfrastruktur in Hessen. Aus der Arbeit mit Papierfragebogen und Lochkarten entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte ein modernes Datenökosystem, auf das Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Öffentlichkeit angewiesen sind.
Eine der ersten Aufgaben des Landesamts in den Nachkriegsjahren war eine Volks- und Wohnungszählung. Bis heute ist die darauf basierende Bevölkerungsstatistik eine sehr wichtige Grundlage für viele Verwaltungsvorgänge. Das Beispiel zeigt, wie wandlungsfähig und zugleich abhängig die amtliche Statistik von gesetzlichen Regelungen ist.
Bis in die 1980er Jahre wurden die Daten durch Vollerhebungen gewonnen. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Recht auf informationelle Selbstbestimmung galten für die Volkszählung 1987 strenge Datenschutzregelungen und hohe Hürden bei den Befragungen. In der Folge fanden keine Volkszählungen statt, bis die EU Deutschland dazu verpflichtete. Per Bundesgesetz wurde ein neues Modell eingeführt: Seit dem Zensus 2011 werden Melderegister- und Verwaltungsdaten statistisch zusammengeführt und durch Stichprobenerhebungen ergänzt.
Künftige Erhebungen sollen durch das Registermodernisierungsgesetz erleichtert werden: Daten sollen zukünftig nur einmal erhoben und mehrfach genutzt werden. Das vernetzt die Verwaltung und ihre Register in ganz Deutschland, reduziert die Aufwände der Auskunftspflichtigen und verbessert zugleich Aktualität und Qualität statistischer Ergebnisse. Mehr Informationen zu diesem Thema finden Sie auf unserer Seite zum Registerzensus 2031.
In vielen weiteren Bereichen hat sich die amtliche Statistik ebenso gewandelt: Neue Methoden und digitale Technologien ermöglichen schnellere, belastbare Daten und entlasten die Meldenden. Mit innovativen Projekten wird das HSL zum Treiber der Verwaltungsmodernisierung.
Unter dem Begriff „Experimentelle Statistik“ erprobt das HSL beispielsweise neue digitale Daten und Methoden. Untersucht wird das Potential, Auskunftspflichtige künftig weniger zu belasten und gleichzeitig schneller aktuelle Daten bereitstellen zu können. Die Projekte wurden teilweise durch die Digitalstrategie Hessen, die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder und Eurostat (Verbund von Statistikämtern auf europäischer Ebene) gefördert. Grundlage sind wissenschaftlich evaluierte Verfahren, deren Mehrwert in Machbarkeitsuntersuchungen geprüft wurde. Erfolgreich getestete Ansätze können künftig in der regulären Statistikerstellung genutzt werden. Das HSL arbeitete dabei national und international mit anderen Statistischen Ämtern zusammen.
Zum Einsatz kommen Webscraping- und maschinelle Lernverfahren (ML-Verfahren). Mit Webscraping ist das automatisierte Erfassen von Internetdaten gemeint. Methoden des maschinellen Lernens helfen anschließend, automatisiert relevante Inhalte zu erkennen und strukturiert auszuwerten.
Anwendungsbeispiele für das Webscraping sind die Auswertung von Internetseiten zur Identifikation von Unternehmenswebseiten, um Recherchearbeiten zu statistischen Daten zu unterstützen oder zu automatisieren, und die automatisierte Recherche zu Unternehmensdaten im Handelsregister. Zudem werden öffentlich zugänglicher Daten aus Hotelportalen für die Beherbergungsstatistik genutzt. Im Rahmen eines Forecasting-Verfahrens kann das HSL frühzeitige Prognosen zu Ankünften und Übernachtungen in hessischen Beherbergungsbetrieben auf Kreisebene erstellen.
Im Bereich Webscraping ist das HSL Vorreiter und bringt seine Expertise und Erfahrungen auch aktiv auf Bundes- und EU-Ebene ein.
Mehr Informationen zu diesem Thema finden Sie in unseren Fachartikeln.
Über die Nutzung digitaler Datenquellen im Internet verfolgt das HSL weitere innovative Ansätze. So hat das HSL ein Verfahren entwickelt, mit dem Ernteerträge mithilfe von Satellitendaten und Künstlicher Intelligenz geschätzt werden können. Die Methode wurde 2025 in neun Bundesländern getestet und soll künftig in die amtliche Erntestatistik integriert werden.
Amtliche Erntestatistiken liefern wichtige Informationen zur Versorgungslage und zur Entwicklung der Agrarmärkte. Gleichzeitig wird es zunehmend schwieriger, genügend freiwillige Berichterstattende für Ernteschätzungen zu gewinnen. Das neue Verfahren nutzt frei verfügbare Satellitenbilder sowie weitere Datenquellen, um Erträge automatisiert und flächendeckend zu schätzen. Ergebnisse können dadurch schneller und auch für kleinere Regionen bereitgestellt werden.
Aufgrund der vielversprechenden Ergebnisse hat das Statistische Bundesamt ein Verfahren zur Integration in die amtliche Statistik eröffnet. Perspektivisch sollen zudem frühzeitige Prognosen der Ernteerträge möglich werden. Auch auf europäischer Ebene wird geprüft, ob die Methode in weiteren Ländern eingesetzt werden kann.
Das Land Hessen treibt die Digitalisierung im Bauwesen voran. Das so genannte „digitale Bauportal“, das seit 2025 in Betrieb genommen wurde, ermöglicht, alle Schritte von Antrag bis Genehmigung online abzuwickeln. Für das Hessische Statistische Landesamt eröffnet das Portal einen erheblichen Mehrwert: Genehmigungen werden in Echtzeit gemeldet, die Erfassung von Baugenehmigungen für Statistiken erfolgt automatisch und ohne Medienbrüche, weil die statistischen Angaben direkt aus dem Portal übermittelt werden. Damit lassen sich aktuelle Daten schneller bereitstellen, kleinräumige Auswertungen verbessern und die Datenqualität erhöhen.
Das HSL hat die Erfassung der Baugenehmigungen grundlegend modernisiert. Seit Juni 2026 übermittelt der Vogelsbergkreis als erste Pilotbehörde die Angaben der Baugenehmigungen nach dem „Once Only“-Prinzip in Echtzeit über das Portal an das HSL. Diese moderne digitale Form der Datenübermittlung entlastet Bauherren sowie Behörden spürbar von Bürokratie. Nach erfolgreichem Testlauf ist für das dritte Quartal 2026 geplant, alle digital anschlussfähigen unteren Bauaufsichtsbehörden Hessens anzubinden, um die Vollständigkeit und Qualität der Statistik durch Echtzeitmeldungen weiter zu steigern.
Mit dem HSL haben wir im Rahmen der Einführung des digitalen Baugenehmigungsverfahrens (Bauportal Hessen) gemeinsam ein Vorzeigeprojekt realisiert: Hessen meldet als erstes Bundesland Baugenehmigungen vollständig digital, effizient und aktuell im Sinne des Once-Only-Prinzips. Möglich war dies durch eine außergewöhnlich offene, verlässliche und von echtem Gestaltungswillen geprägte Zusammenarbeit.
Ulrich StaigerMinisterialrat, Leiter des Referates VII 5 (Baurecht)
Die Unternehmensstatistiken liefern wichtige Informationen zur wirtschaftlichen Lage und Entwicklung der verschiedenen Branchen. Allerdings sind die bisherigen Strukturen komplex: Für Industrie, Bau, Handel und Dienstleistungen existieren getrennte Statistiken mit unterschiedlichen Erhebungsrhythmen, Fragenprogrammen und IT-Verfahren. Das System der amtlichen Konjunktur- und Strukturstatistiken wird daher in den kommenden Jahren grundlegend modernisiert.
Ziel ist es, Abläufe zu vereinfachen, digitale Prozesse zu stärken und den Aufwand für Unternehmen zu reduzieren. Das neue Gesamtkonzept sieht branchenübergreifende Konjunktur- und Strukturstatistiken mit vereinheitlichten Fragenprogrammen vor. Bereits vorhandene Daten sollen noch stärker genutzt werden – nach dem Once-Only-Prinzip müssen Unternehmen Informationen nur einmal liefern. Gleichzeitig ermöglicht die weitgehende Angleichung der erhobenen Merkmale an die Konzepte des Rechnungswesens eine einfachere Bearbeitung in den Unternehmen.
Für Unternehmen bedeutet das weniger Aufwand, schnellere Prozesse und eine klarere Übersicht. Das HSL arbeitet aktiv mit, um weiterhin belastbare, auch regional differenzierte Wirtschaftsdaten bereitzustellen. Die Umsetzung dieser grundlegenden Reform wird mehrere Jahre dauern. Durch technische Schnittstellen bei der betrieblichen Lohnabrechnungssoftware kann aber bereits jetzt die Verdiensterhebung effizienter und aufwandsarm für die Unternehmen gestaltet werden.